Deutscher Humor trifft auf Brexit: Wie sich ein deutsches Spital mit selbstironischen Personalmarketing profiliert

Interview mit Sebastian Kimstädt, der seit 2018 die Unternehmens- kommunikation der Westküstenkliniken leitet und Timm Kaatz, Leiter der Stabsstelle für Personalentwicklung zu #Humor #Brexit #Personalmarketing #GlückstoffDopamin

Moin Moin Herr Kimstädt, Moin Moin Herr Kaatz,

Das Westküstenklinikum ist vor kurzen durch eine humorvolle Personalmarketing-aktion zum Brexit aufgefallen. Dort wirbt man in einem Video um britische Fachkräfte. Humor im Personalmarketing. Ist das nicht sehr risikoreich?

Kimstädt: Humor? Wieso Humor? Das ist doch genau der Haken, dass wir keinen Humor haben! Das jedenfalls behaupten wir in dem Clip. Und daher ganz ernsthaft gefragt: Wieso denn nicht? Solange der Humor nicht zum Selbstzweck eingesetzt wird, ist Humor gerade für Personalmarketing ein geeignetes Stilmittel. Denn wenn alle ernst und steif daher kommen, fallen die humorvollen Kampagnen auf. Der Bewerber beginnt, sich mit uns auseinanderzusetzen. Und genau das ist es ja, was wir erreichen wollen.

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Quelle: WKK
Wie kam es zu dieser Idee?

Kaatz: Eine Kollegin mit Freunden in Großbritannien sprach uns an. Sie erzählte, dass die EU-Bürger im Vereinigten Königreich wegen des Brexits Sorgen um ihre Arbeitserlaubnis hätten. Eine Recherche bestätigte, dass sich rund 600.000 EU-Fachkräfte mit dem Gedanken tragen, wieder auf den Kontinent zurückzukehren. Die meisten davon wollen nach Deutschland. Warum sollen die nach Hannover oder München gehen, wenn es auch in Heide ein grosses Schwerpunktkrankenhaus gibt? Ein Krankenhaus, das fachlich gut aufgestellt ist und in einer Region liegt, in der andere gerne Urlaub machen- Wo die Häuser erschwinglich sind und von Dieselfahrverboten keine Rede sein kann.

Kimstädt: Wir haben daher erst einmal mässig frech im wahrsten Sinne des Wortes einen Test-Ballon starten lassen und haben grafisch einen Heissluftballon sowie einen Storch über die Nordsee geschickt, um Intensivpflegekräfte und Hebammen anzusprechen. Aber uns war klar, dass wir noch etwas Aussergewöhnliches brauchten, um die Blicke der Briten auf Heide zu lenken. So kam die Idee, uns selber auf die Schippe zu nehmen und alle Vorzüge unserer Klinik und der Region humorvoll in einem Clip zusammenzufassen. Wir spielen dabei respektvoll mit den Klischees über Norddeutsche, Briten und Deutsche im Allgemeinen.

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Quelle: WKK

Wie gestaltete sich die Umsetzung? Was war dabei die grösste Herausforderung?

Kimstädt: Die grösste Herausforderung war es, den Clip im allgemeinen Tagesgeschäft zu realisieren und ihn rechtzeitig zum Brexit-Termin am 31.März online zu stellen. Das ist uns nicht ganz gelungen. Aber den Briten ja auch nicht.

Kaatz: Von allen, denen wir die Idee vorgestellt hatte, waren wir selbst wohl am skeptischsten. Aber mit Argumenten haben wir uns rumbekommen.

War die Aktion erfolgreich?

Kimstädt: Eine Krankenschwester zieht gerade von London nach Heide und wird ihre Stelle bei uns zeitnah angetreten. Ausserdem sorgten wir auf der Insel mächtig für Bewegung. Auf Facebook erzielten wir bei einem gezielt eingesetzten Budget von 4.800 Euro eine Reichweite von 320.000 rund eine Million Impressions und einer Rate von knapp 9.000 Klicks auf unserer Homepage. Dort hatten wir englischsprachige Unterseiten eingerichtet.

Solange der Humor nicht zum Selbstzweck eingesetzt wird, ist Humor gerade für Personalmarketing ein geeignetes Stilmittel.

Gab es kritische Rückmeldungen nach der Veröffentlichung des Videos?

Kimstädt: Im Haus keine. In den Kommentaren auf YouTube sehr wohl. Einige Kommentatoren mussten immer noch ihr Weltkriegstrauma aufarbeiten. Andere waren Brexiteers, die sich mit anderen Kommentatoren in die Wolle bekommen hatten und in den Kommentarspalten die Brexit-Debatte noch einmal aufmachten.

Auch im neuen Video Ihrer Notaufnahme zum wenden Sie Humor an, Stichwort „Muschelverletzungen“. Wie sind Sie an das neue Projekt herangegangen?

Kaatz: Verbunden mit Emotionen merken wir uns Dinge besser. Daher haben wir auf eine kleine Prise Humor gesetzt. Wir spielen mit Understatement und enden zudem mit der Botschaft »Mehr als erwartet« . Denn wenn etwas besser oder mehr als erwartet ist, dann werden Neuronen in unserem Mittelhirn aktiv, die wiederum den Glücksstoff Dopamin ausschütten. Im Frontalhirn angekommen, sorgt das Dopamin dafür, dass unsere Aufmerksamkeit gesteigert wird und wir uns das glücklich machende Ereignis besser merken.

Erzählen Sie uns Ihren Lieblingswitz!

Beide: We don’t have humour!

Und hier nun das Video zum Brexit:

‹Komm, spiel mit mir!› Gamifizierung im Employer Branding

Interview mit Guido Däschler, HR Project & Employer Branding Manager, ISS Schweiz zu #Gamification und #Selfassessment

Ihr Arbeitgeber ISS hat vor kurzem ein gamifiziertes Selbst-Assessment in Quizformat online gestellt, damit potentielle Bewerber vorab testen können, ob sie zu ISS passen. Was hat es denn ein Quiz mit der realen Arbeitswelt zu tun?

Das Quiz ist für jeden im Internet zugänglich. Also nicht nur für Bewerberinnen und Bewerber. Es soll einen Eindruck vermitteln, wie wir unseren Servicegedanken leben. Anstatt eine lange Beschreibung zu verfassen, soll dieses Quiz den sogenannten Power of the Human Touch digital erlebbar machen. Die verwendeten Arbeitsbeispiele sind real. Die betreffenden Verhaltensweisen wurden auch im Rahmen unseres Wertschätzungsprogrammes honoriert.

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Befürchten Sie nicht, dass sich nun aufgrund suboptimaler Testergebnisse weniger Bewerber melden?

Die Anzahl Bewerbungen ist eigentlich keine grundsätzliche Herausforderung bei ISS. Wir erhalten lieber weniger Bewerbungen, dafür aber von den passenden Kandidaten. Ich persönlich glaube nicht, dass das Quiz eine abschreckende Wirkung hat, da es spielerisch daherkommt.

Bitte beschrieben Sie den ISS-Claim ‹Power of the Human Touch›.

Wir sind davon überzeugt, dass unsere Mitarbeitenden mit ihrer Persönlichkeit und Ihrem Naturell, wie sie tagtäglich zu Gunsten unserer Kunden arbeiten, den Unterschied und Mehrwert ausmachen.

Wie kam es zur Idee des gamifizierten Selbst-Assessments?

Es stellte sich mir die Frage, wie man den ‹Power of the Human Touch› kurz und knackig beschreiben kann. Und weil es ja ein ‹Human Touch› ist, suchte ich eine kurzweilige, universal verständliche und erlebbare Methode, die auch Emotionen transportiert. 

Wie konnten Sie die Geschäftsleitung überzeugen hierfür Budget freizugeben?

Ich habe meinem Vorgesetzten, dem Direktor People & Culture, einige Beispiele anderer Unternehmen gezeigt und anschliessend einen Prototyp vorgeführt, wie ich es für die ISS umsetzen würde. Also ganz nach meinem Credo: von Best Practice zu Best Fit. 

 

Beim Spiel kann man einen Menschen in einer Stunde besser kennenlernen, als im Gespräch in einem Jahr.

Platon (um 427 – 348 v. Chr.), griechischer Philosoph, Schüler des Sokrates

 

Gestaltete sich die tatsächliche Umsetzung schwierig?

Die Umsetzung erfolgte in Zusammenarbeit mit einer externen Agentur. Die grösste Herausforderung war, den Grundgedanken von ‹Power of the Human Touch› so zu übermitteln, dass es die Agentur verstand und umsetzen konnte. Die Produktion des Spiels ehrlich gesagt nicht allzu kompliziert. Im Nachhinein würde ich sogar versuchen, das Game selbst inhouse programmieren zu lassen. Mit unserer IT-Power wäre das sicher gut machbar gewesen.

Ist die Aktion ein Erfolg?

Die Resonanz ist sehr gut. Unsere Kollegen von ISS Deutschland und ISS Österreich finden das Quiz so toll, dass sie es übernehmen und für sich anpassen werden.

Spielen Sie privat auch gerne?

Ja, vor allem Gesellschaftsspiele mit meinen Kindern.